Saturday, August 22, 2015

Francisca Stoecklin (1894-1931) - Liebesgedichte

Francisca Stoecklin

Francisca Stoecklin
(1894-1931)
Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

An die Liebe

Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug;
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod.
(S. 70)
_____

 
An ein Mädchen

Bist du Leda,
und wartest noch immer
auf die Rückkehr
des schimmernden Schwanes,
der allein dem Schmiegen
deiner fließenden Glieder genügt?
O, wie lange ist alles
Beglückende vergangen!
Nur wenn du tanzest,
wenn deine Blässe
vom Strahl der Mitternachtssonne
erleuchtet,
durchpulsen Jahrtausende
deine Seele, deinen Leib.
In deinem Lachen birgt sich
der Schrei der Mänade.
In dem sich wild lösenden Goldhaar
schwebt ein Schimmer
von Blut.
Dann liebst du das Feuer,
die Erde, den Wind -
und alle die um dich sind
werden empor gehoben
in ein Reich von Rausch und Traum,
- und du weißt nicht,
hält dich das Leben
oder der Tod.
(S. 66)
_____



Der Freund

Du bist sehr fern,
der Raum, der unsere Blicke trennt
ist nicht in einem Tag
zu überbrücken.
Nur meine Sehnsucht ist so stark,
daß sie mich kühn
in deine Nähe trägt.
Ich sehe dich
in deines Turmes Einsamkeit,
im kreuzgewölbten Abendzimmer.
Wie eine kleine Gottheit
dunkler Kulte, thronst du
in einem mächtigen Sessel.
Vor dir ein weißes Buch,
in das du Zahl und Zeichen gräbst.
- Die Nacht entsteigt dem Meer
mit Graun und Größe.
Ein spitzer Sichelmond
schwebt auf.
Die Wellen schlagen dumpf
und machtvoll in den unterhöhlten Fels,
darauf dein Turm
wie ein Idol der Dauer steht.
Die Wellen rauschen, schlagen, schlagen
ewig wiederkehrend in den Fels.
Dir ist es wie das Tönen
eines riesigen Herzens.
Und manchmal graut dir,
wenn es gar zu wild
und fiebernd dröhnt.
- Dann wieder fühlst du 's
wie das Pochen deines eignen Herzens.
Das Meer rauscht dumpf
und machtvoll in dem Blut,
und übersteigert
deines Knabenkörpers zarte Kraft.
Du möchtest Tempel bauen,
die wie Pyramiden dauern
und einen neuen Mythos künden.
(S. 63-64)
_____



Seele der Liebenden

Einmal schon liebte ich dich
Und das Meer, das Meer.
Doch lichter waren damals
Die Seelen, ungetrübt
Von dunklen Taten.
Es sangen unsere Liebe
Strahlend die Sterne,
Und das Meer, das Meer.
Wieviel hundert Jahre
Sind seitdem vergangen,
Wieviel Leiden und Tode
Und Sterne. Wo blieben
Die Seelen so lange?
Wir halten uns schweigend
Die schauernden Hände.
Wir blicken uns tief
In die fragenden Augen.
Noch singen die Sterne
Und das Meer, das Meer.
Aber unfaßbar ewig
Ist die Vergangenheit
Der menschlichen Seele.
(S. 35)
_____

Die Lichtung

Ich denk an dich. Ich denke an die Liebesstunden
Die wir im Waldesinnern süß erlebten.
Auf feuchtem Laub, vorbei an ernsten Tannen,
Buchen, braunen Pilzen. Auf kaum begangenem
Wege kamen wir zu einer Lichtung.
Der Himmel weitete sich plötzlich leuchtend über uns.
Du riefst »Wie schön das ist!« Die Sonne strahlte mild,
Umfing mit ihrem Gold die dunklen Bäume
Und das helle Grün der Himbeersträucher,
Von denen wir die reifen Früchte nahmen,
Einander lachend auf die Lippen legten.

Dann sanken wir beseligt in das weiche Moos
Dein Kopf lehnte an meiner Schulter, sanft,
Du hieltest meine Hand. Die alten Tannen rauschten
Feierlich. Und aus dem Dickicht
Trat ein Reh ... das lange lauschend blieb.

Da blickten wir uns tiefer in die Augen,
Die das klare Blau des Himmels hatten.
Wir sprachen nichts, wir dachten kaum etwas.
Wir ahnten nur die Ewigkeit des Augenblicks,
Und daß die Seelen sich ganz nahe waren.
(S. 36)
_____

Die Verlassene klagt

Ich liege ausgehöhlt und leer,
Man hat mich weggeworfen,
Die Erde ist so hart und schwer,
Ich habe keine Tränen mehr.
Doch einstmals liebte ich dich sehr,
Da konnte ich noch weinen,
Da glich ich nicht den Steinen.
Will keine Sonne scheinen
In meine Dunkelheit?
Einst war es mir, als rief er,
Doch klang es viel zu weit,
Und niemand kann mich halten.
Jetzt fall ich immer tiefer
Aus der Zeit
In die Falten
Der Unendlichkeit.
(S. 22)
_____

Geliebter

Laß dich wieder, und immer wieder
mit meinen Worten umarmen.
Laß sie um dich legen,
wie du um mich hüllst
den Mantel,
wenn wir an kühlen Herbstabenden
über die Felder gehn,
wo sich die Nebel
silbern schon senken,
und der Wind die Gräser bewegt.

Ziellos irrte ich
auf der großen Erde,
bedrängt und verführt
von Dunklem
und schillernden Sünden.
Da gingst du auf
meines Schicksals Sonne.
Dein Licht milderte
alles Harte und Schwere,
verinnigte jede Lebensstunde,
alle Wesen und Dinge,
Schmerzen und Seligkeit.
Denn du einst
die Zartheit der Freundin
mit des Jünglings
beschützender Kraft.
Lächelnde Blume bist du
und weisende Fackel.
- Und dein Mund sagt,
daß auch ich Schwache
dir schön bin.
(S. 62)
_____

An den unsterblich Geliebten

Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.
Aber ich weiß,
Du wartest auf mich
Jetzt und immer.
Wissend und gut.
Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.

Ich sehne mich nach dir,
Nach deinen sanften Händen,
Nach deiner frommen Schönheit,
Nach deiner klugen Güte.
O ich sehne mich nach dir.

Alles, was ich habe, will ich dir schenken,
Alles was ich denke, will ich dir denken,
Ich will dich lieben in allen Dingen,
Meine schönsten Worte will ich dir singen,
All meine Schmerzen und Sünden will ich dir weinen.
Meiner Seligkeit Sonnen werden dir scheinen.
Was ich bin, will ich dir sein.

Meine Träume sind voll deiner Zärtlichkeit.
Mein Blut singt süß deine Unendlichkeit.
Weiße Seele
Unsterblich Geliebter.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe,
Im Schauer meiner Ängste,
Im Lachen meines Glücks.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe.
(S. 26)
_____

Fieber

Müd und wirr lieg ich im Fieber.
Welt und Leben dämmert fern.
Immer träum ich dich, du Lieber.
Durch mein Fenster scheint ein Stern.

Meine weißen Hände liegen,
Tote Tauben, auf der Decke.
Und ich sehe Banges biegen
Sich zur bösen Dornenhecke.

O wie gut war einst das Leben!
Tausend Jahre lieg ich tot.
Und ich darf euch nicht mehr geben
Meiner Liebe einsam Rot.
(S. 21)
_____

  Venus

O Tag der Gnade,
Sieg des frühlinghaften Glänzens!
Da sich das Meer
in dich hineingeliebt,
die schlankste Welle
deine Anmutslinie zog.
Und dann ihr kluges Spiel
auf ewige Zeit
in deine Adern sang,
damit du sein Geheimnis
großen Liebenden erhältst.

Ihr Priesterinnen,
die in Venus Zeichen flammt,
fühlt oft die Sehnsucht
schmerzend nach dem Meere,
und in den höchsten Liebesfesten
Tod und Todesangst.

Du aber Göttin
schwebst unsterblich,
lächelnd über allem -
und mit bestrickender Gebärde
hält deine Hand
die rosige Muschel
des Verschenkens.
Himmel und Qualen
der Jahrtausende!
(S. 42)
_____

  An den fernen Freund

Seitdem du mich verließest, denke ich dich immer.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dein Bild ...
So nah und wirklichschön als ob kein Raum uns,
Keine Städte trennten.
Bei meiner Kerze sanftem Schimmer
Trittst du ganz leise, leise in das Zimmer ...
Um deine Lippen schwebt ein Lächeln kindlich mild.

Dann leg ich meine Hände zart an deinen Körper.
Dann küß ich innig deinen weichen roten Mund.
Dann sag ich schweigend dir die letzten Dinge.
Dann bin ich ganz in dir und du in mir.
Dann kann uns nichts mehr trüben, nichts mehr trennen,
Weil wir nur eine Liebe, eine Seele, eine Wolke sind.
Zwei Lichter, die in einen Himmel brennen.
Ein Baum, ein Stern, der gute Abendwind.

Dann sind wir sündenlos und weise.
Dann ist kein Raum und keine Zeit.
Dann schweben wir so süß erfüllt und leise
In Gottes Urunendlichkeit.
(S. 38)
_____

 
Andenken

Wenn der Abend so wunderbar blau und dunkel
In den Bäumen hängt,
Der runde Mond fern und golden über der Erde schwebt,
Bist du mir nah.

Deine schmalen Hände behüten mit inniger Sorgfalt
Die Reliquien unserer Liebe,
Zarte Gebilde süßer Erinnerungen.

Leise öffnet sich das Fenster.
Meine Augen folgen den Sternen,
Aber unfaßbar ist alle Ewigkeit,
Angefüllt mit Schauer und den Fragen nach Verstorbenen.
Dem stillen Weinen ungeborener Kindlein.

Von Unendlichkeit verwirrt,
Sinke ich an das braune Kreuz des Fensters.
Leise bete ich deinen Namen.

Ich weiß dich im einsamen Zimmer,
Träumend bei einer Kerze.
Um deinen Mund ein todnahes Lächeln.
(S. 16)
_____

 
Wenn der Mond groß ist

Wenn es Abend wird, fällt mir dein Lächeln ein,
Schwarzer Engel, der meine Träume umnachtet.

Im Herbst saßen wir oft auf den Bänken am Strom,
Stille Kinder, in der abendlichen Sonne.

Wenn dann deine Hand zärtlich über mein Haar strich,
O wie freute sich da die Seele.

Seitdem sind traurige Jahre vergangen,
Ängste und Wahnsinn, zerfallene Abende.

Wenn der Mond groß ist, betet mein bleicher Schatten
In deinem Zimmer verlorene Tänze.
(S. 19)
_____

 
Wir wollen uns immer die Hände halten

Wir wollen uns immer die Hände halten,
Damit unsre Seelen nicht in den kalten,
Notvollen Nächten einsam erfrieren.

Wir wollen uns immer tiefer finden,
Damit wir uns nicht wie die armen Blinden
Im schwarzen Walde traurig verirren.

Wir wollen uns immer die Hände halten,
Damit wir uns nicht zu tief in die Falten
Des unendlichen Lebens verlieren.
(S. 40)

_____
 
Alle Gedichte aus: Francisca Stoecklin: Lyrik und Prosa.
Herausgegeben von Beatrice Mall-Grob.
Verlag Paul Haupt Bern Stuttgart Wien 1994


Biographie:
Stoecklin, Franziska, verh. Betz-S., * 11.9.1894 Basel, † 1.9.1931 Basel. - Lyrikerin, Erzählerin; Malerin.
Die Tochter eines Kaufmanns u. Schwester des Malers Niklaus Stoecklin wuchs in Basel auf, zog 1914 als Kunstschülerin nach Deutschland u. lebte, jung verheiratet, als Malerin u. Schriftstellerin in München, Frankfurt/M. u. Berlin. Nach der Trennung von ihrem Mann zog sie, schwer herzleidend, ins Tessin, wo sie im Kreis um das Ehepaar Ball-Hennings verkehrte u. von Rilke literarisch gefördert wurde. Sie starb in ihrer Heimatstadt in geistiger Umnachtung.
Nach Abdrucken in Zeitungen u. Zeitschriften (U. a. in der »Aktion«) erschien ihre Lyrik gesammelt in den Bänden Gedichte (Bern 1920) u. Die singende Muschel (Zürich 1925): freie, oft reimlose Rhythmen, die v. a. durch eine eigenwillige, die Malerin verratende Farbsymbolik bedeutsam sind u. in oftmals ans Surreale grenzender, immer aber episch-berichtender Weise die Themen Traum, Liebe, Tod u. Natur behandeln. Allerdings tritt die Liebe, die im ersten Band von zentraler Bedeutung ist u. stellenweise einen überraschend leidenschaftl. Ausdruck findet, im zweiten Band fast völlig hinter dem Thema Tod zurück. Nicht verschwiegen werden darf, daß den Versen gelegentlich etwas Stilisiert-Gekünsteltes anhaftet -
wohl dadurch bedingt, daß S. sich von der zeitgenöss. Lyrik u. vor allem auch von Rilke bewußt absetzen wollte. S.s Prosa (Liebende. Bern 1921. Traumwirklichkeit. Ebd. 1923) steht ihrer Lyrik sehr nahe u. beschränkt sich fast ganz auf die Darstellung geistig- seel. Vorgänge.
Aus: Walther Killy Autoren- und Werklexikon: Stoecklin, Franziska, S. 2. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon

No comments: